Christine Heim

Christine HeimVize-Präsidentin Selbsthilfeverein EQUILIBRIUM

Ich möchte Ihnen gerne über meine Lebensgeschichte berichten, die stark geprägt ist von und mit der Depression.

Der lange Weg zur Diagnose
Vor zwölf Jahren erhielt ich die Diagnose «Depression». Ich wusste es schon lange, wollte es aber nicht wahrhaben. Nach langer Suche, auch esoterischer Art, fand ich den Weg zu einem Psychiater. Er erklärte mir sehr genau, was ich hatte. Doch schon nach einigen Wochen konnte er mich nicht mehr ambulant behandeln und wies mich in eine psychiatrische Klinik ein. Ich dachte mir, zwei bis drei Wochen Erholung täten mir bestimmt gut – es wurden fast fünf Monate.

So ging es die letzten Jahre immer wieder mal besser und mal schlechter. Dazu kamen noch Manien und somit erhielt ich die Diagnose «Bipolare Störung». Wie lebe ich mit solch einer Krankheit?

Ein körperlicher und seelischer Schmerz
Es ist oft sehr schwierig, es ist schmerzlich und nimmt einen sehr grossen Teil meines Lebens ein. In einer depressiven Phase ist es wahnsinnig schmerzlich. Ich leide dann sehr. Ziehe mich sozial zurück. Will und kann keinen Kontakt mehr zur Aussenwelt haben. Alles, wirklich alles braucht sehr viel Kraft und der Antrieb fehlt fast ganz. Wie sieht denn so ein Tag aus? Ich stehe auf, ziehe mich manchmal an, trinke einen Tee und schlafe fast schon wieder ein im Stuhl. So geht es den ganzen Tag. Ich bin sehr erschöpft und es schmerzt am ganzen Körper. Ein körperlicher und seelischer Schmerz, der oft unerträglich. Oft empfinde ich es auch als schmerzhafte Verkrampfung im Gehirn. Wir wissen, dass die Depression eine Hirnstoffwechselkrankheit ist. Das Verhältnis im Gehirn von Botenstoffen ist reduziert und überhaupt nicht mehr im Gleichgewicht. Es ist ein sehr schwer zu beschreibender Zustand. Ich wünschte mir so sehr, dass meine Mitmenschen es mir glauben, was ich erleben muss.

Das ist auch der Punkt, der mich immer wieder sehr beschäftigt: Warum glaubt man uns das nicht? Das was wir erleben oder eben oft nicht mehr erleben und empfinden können? Zum Schmerz kommt oft auch noch diese Leere. Keine Gefühle, keine Lust auch auf Sachen, die man sonst so gerne macht oder hat. Keinen Appetit, keine Freude, die verminderte  Konzentrationsfähigkeit, starke Schuldgefühle, fehlendes Selbstvertrauen, Libidoverlust und diese hartnäckigen Schlafstörungen – all das kommt zusammen. Ich lasse mich dann oft gehen, kann den Haushalt fast nicht mehr alleine bewältigen, und alles ist mir zuviel. Da kann es schon vorkommen, dass ich den Briefkasten für mehrere Tage nicht mehr leeren kann. Da verlässt mich oft der Mut zu leben. Ich bin jeweils sehr dankbar, wenn eine solche Episode wieder vorbei ist, und alles nur noch halb so schlimm ist. Es gibt auch Zeiten, da geht es mir «fast» gut.

All diese Gedanken können und sollten unbedingt mit jemandem besprochen werden, der versteht, wovon wir reden. Dies kann der Psychiater oder Psychologe sein. Vergessen Sie aber bitte nicht, dass es in der ganzen Schweiz Selbsthilfegruppen gibt. Diese Gruppen treffen sich in bestimmten Abständen, um sich auszutauschen. Viele Betroffene fühlen sich dort verstanden und akzeptiert. Sie können Kraft schöpfen, denn sie hören und sehen, dass sie nicht alleine sind mit dieser hässlichen Krankheit. Es geht vielen ähnlich, und das gibt Mut, nicht aufzugeben.

Depressionen sind eine ernst zu nehmende Krankheit und müssen unbedingt behandelt werden. Eine grosse Hilfe und Stütze sind die Selbsthilfegruppen.

Als Vize-Präsidentin des Vereins EQUILIBRIUM und selbst Betroffene möchte ich Ihnen Mut machen, die Depression ernst zu nehmen und sich Hilfe zu holen.

Ich wünsche allen Betroffenen und Angehörigen viel Kraft, um diese Krankheit zu ertragen.